Rennen, hüpfen, springen
Körperarbeit – Christian Hofacker bringt die kleinen Patienten auf Trab - und im Kletterwald auf die Bäume
Kunsttherapie, Musiktherapie, Bewegungstherapie: Das sind die drei Methoden, die den jungen Patienten der Psychosomatischen Abteilung in den Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret helfen sollen, sich besser wahrzunehmen und ihr Selbstbewusstsein zu stärken.
Es ist kein gängiges Arbeitsfeld, das sich Christian Hofacker (34) nach seinem Studium der Sportwissenschaften in Frankfurt ausgesucht hat. Leistungssport oder Sportjournalismus waren nie sein Ding, seine Stärken lagen immer schon in der sportpädagogischen Jugendarbeit.
Seit zweieinhalb Jahren ist „der Christian”, wie Kinder und Jugendliche den großen, schlanken Mann vom Typ älterer Bruder nennen, Betreuer in der Psychosomatischen Abteilung, gleichzeitig aber auch Bewegungstherapeut. Auf der Station herrscht eine familiäre Atmosphäre, und da die sieben- bis achtzehnjährigen Patienten sechs Wochen bis sechs Monate bleiben müssen, hat Hofacker viel Zeit, um ihre Krankheitsgeschichten und ihre Stärken und Schwächen kennenzulernen.
Der Tagesablauf der Kinder und Jugendlichen ist genau eingeteilt, Bewegungstherapie gehört zum Pflichtangebot. In den Kinderkliniken ist dafür nur wenig Platz, deshalb teilt Hofacker die Patienten oft in kleine Gruppen ein und besucht mit ihnen die Turnhalle des Abendgymnasiums. Bei schönem Wetter werden Fang-, Ball- und Balancierspiele ins Freie verlegt. Nicht immer blickt der Therapeut in begeisterte Gesichter, wenn er eine sportliche Unternehmung ankündigt. Aber die Ausrede „hab' keine Lust” zieht bei ihm nicht.
Manchmal nimmt Christian Hofacker die Jugendlichen zum Kletterwald an der Lichtwiese mit. Dort sollen sie ihre Furchtlosigkeit und Geschicklichkeit unter Beweis stellen. Beim leichtesten Parcours dieses Hochseilgartens sind die Elemente nur ein bis anderthalb Meter hoch, beim schwierigsten bis 13,5 Meter.
Manchen Jugendlichen verlässt angesichts solcher Herausforderungen sofort der Mut. Er will nicht mal probieren, wie weit er kommen könnte. Aber das Beispiel anderer spornt an. Beim nächsten Kletterwaldbesuch will er dann nicht mehr nur Zuschauer sein. Wer sich überschätzt, muss selbst herausfinden, wo seine Leistungsgrenzen liegen.
Ganz schwierig ist es, depressive Kinder zu motivieren, weil ihre Antriebslosigkeit Teil ihrer Krankheit ist. Dagegen muss Hofacker die bewegungsfreudigen Magersüchtigen eher bremsen. Denn sie sind von der fixen Idee besessen, beim Turnen möglichst viele Kalorien zu verbrauchen. Das Ziel der ihnen verordneten Therapie heißt: zunehmen.
Wenn ein Junge sehr viel Wut im Bauch hat, hängt Hofacker für ihn - nach Absprache mit Psychologen - auch schon mal einen Boxsack auf. Denn das Draufschlagen kostet Kraft und ist eine gute Methode, sozialverträglich mit Aggressionen umzugehen. Der Therapeut will erreichen, dass die jungen Patienten die Lust an der Bewegung wiederentdecken, die angeborene Freude am Rennen, Hüpfen und Springen, die durch ihre Krankheit überschattet ist. „Der Körper braucht den Ausgleich der Bewegung”, sagt er. Und sie kurbelt auch den Stoffwechsel an.
Manche Übungen sollen zu einer besseren Körperwahrnehmung beitragen. Die Patienten lassen sich auf Weichbodenmatten fallen, probieren aus, wie sich das anfühlt. Bei einer Massagen mit dem Igelball oder bei der Pizza-Massage lernen sie, auch einem anderen etwas Gutes zu tun. Bei der Pizza-Massage klopfen sich zwei Partner wechselseitig auf den Rücken und tun so, als würden sie Teig kneten, Salami und Käse drauflegen,das Ganze mit Öl beträufeln und in den Ofen schieben.
Bei Führungsspielen werden einem Teilnehmer die Augen verbunden. Hilflos wie er ist, muss er sich nun einem anderen anvertrauen, der ihn wortlos durch den Raum führt und dabei nur durch Körpersignale lenkt.
Das Verhalten der Patienten wird protokolliert. Nicht alle lassen sich auf die Therapie ein, und Fortschritte werden nur in kleinen Schritten erzielt. Letztendlich, meint Hofacker, seien diese Patienten aber für sich selbst verantwortlich. Die entlassenen Patienten vergessen „ihren Christian” nicht. Sie schicken ihm Karten aus dem Urlaub und schauen bei ihm vorbei, wenn sie ihre Therapeuten zur Nachbetreuung aufsuchen. Manche von ihnen, gibt der Bewegungstherapeut zu, seien ihm richtig ans Herz gewachsen.
Darmstädter Echo vom 18. Dezember 2010