„Wir sind die Ersatzfamilie”
Kinderkliniken – Mit Feingefühl gehen Betreuerinnen und Betreuer auf Patienten der psychosomatischen Abteilung ein
Der bunte Krankenhausflur im ersten Stock kann leicht mit einem Kinder- und Jugendtreff verwechselt werden. Hier wird mittags gemeinsam gegessen, nachmittags gespielt, viel gelacht und gescherzt. Aber der unbeschwerte Eindruck trügt.
Alle Jugendlichen, die da gerade im Flur der psychosomatischen Abteilung (Station PSO) der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret ihre Bilder fertig malen oder Tischfußball spielen, sind stationär aufgenommene Patienten. In der Regel körperlich gesund - und dennoch haben sie Beschwerden, deren Ursachen kein Mediziner zu ergründen vermag. Es ist vielmehr ihre Seele, die sich mit körperlichen Symptomen zur Wehr setzt. Was sie quält, können sie selten in Worte fassen, doch die Folgen sind alarmierend: Essstörungen, Depression, nach innen oder nach außen gerichtete Aggression, Drogen- oder Alkoholmissbrauch.
Als Ilona Wilhelm und Christiane Scheller zu Kinderkrankenschwestern ausgebildet wurden, gab es das Lehrfach psychosomatische Krankheiten noch nicht. Erst allmählich setzte sich auch in den Darmstädter Kinderkliniken die Erkenntnis durch, dass diese immer zahlreicher werdenden Patienten auf einer eigenen Station behandelt werden sollten. Der frühere Leitende Oberarzt Fakhri Khalik baute die psychosomatische Abteilung auf, die nun von Kinderkrankenschwester Ilona Wilhelm geleitet wird.
Die jungen Patienten sind mobil, also nicht bettlägerig. Sie bleiben sehr lange auf Station, manche sogar bis zu einem halben Jahr. Wenn sie die PSO verlassen, sind sie stabilisiert, allerdings nicht unbedingt geheilt. „Manchmal erfährt man erst zwei, drei Jahre später durch Zufall, dass die Therapie erfolgreich war”, sagt Ilona Wilhelm. Das ist nicht so befriedigend wie die Pflege eines kranken Kindes, dessen Genesungsfortschritte eine Krankenschwester tagtäglich verfolgen kann.
Was Ilona Wilhelm und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit den jungen Patienten unbedingt brauchen, ist Feingefühl und Einfühlungsvermögen für Nähe und Distanz. An Gesichtsausdruck und Körperhaltung können sie erkennen, ob ein Junge oder ein Mädchen gerade in den Arm genommen werden oder völlig in Ruhe gelassen werden will.
„Wir sind die Ersatzfamilie”, stellt Ilona Wilhelm fest. Von ihr und ihren Teammitgliedern hängt ein großer Teil des Therapieerfolges ab. Sie schaffen die Atmosphäre, in der sich die Jugendlichen geborgen und beachtet fühlen, sie trösten, beruhigen und halten schlechte Laune aus. Mit besonders ängstlichen Patienten üben sie sogar Straßenbahn- und Busfahren.
Der wichtige „Beziehungsaufbau” beginnt mit dem „Aufnahmegespräch”, für das sich jeder Betreuer viel Zeit nimmt. Oft wird der erste Ansprechpartner auch gleich zur ständigen Bezugsperson für Kind und Eltern. Nicht jeder Patient kommt gern in die Kinderkliniken. Manche Kinder oder Jugendliche sind wortkarg und müssen erst auftauen, andere aufgedreht, wütend oder verzweifelt. Wenn die Wellenlänge zwischen Patient und Betreuerin oder Betreuer nicht stimmt, wird das Problem im Team besprochen und eine Lösung gefunden.
Um sich an die fremde Umgebung im Krankenhaus zu gewöhnen, brauchen die Heranwachsenden etwa eine Woche Zeit. Sie müssen sich an Verhaltensregeln und ihren Therapie-Stundenplan halten, werden zu Tisch- oder Küchendiensten eingeteilt - für die meisten sind das ganz neue Erfahrungen. „Etwa 98 Prozent der Patienten sind hier gut angekommen. Es gibt nur selten welche, die wieder gehen,” erklärt Ilona Wilhelm. Das ist ein großes Kompliment für ihre Teammitglieder. Diese nehmen es in Kauf, dass der Therapeut manchmal aus der Sicht der Jugendlichen „der Gute” ist und sie die „Bösen”, weil sie strikt auf der Einhaltung der Regeln bestehen. Alle sechs Wochen werden die Eltern eingeladen, damit sie Einblicke in die komplexe Arbeit der Station bekommen und die Vorgehensweise von Ärzten und Pflegekräften besser verstehen.
Der Stundenplan der Patienten ist so ausgefüllt, dass ihre Eltern sie in der Woche kaum besuchen können. Und schon gar nicht nach 18 Uhr. Nach dem Abendessen soll der Tag in Ruhe ausklingen, bei Yoga, Aromatherapie oder rhythmischen Einreibungen.
„Die Jugendlichen nehmen die Regeln gut an”, sagt Christiane Scheller. „Manche sind von zuhause keine Strukturen gewöhnt, kennen gemeinsame Mahlzeiten nicht. Das Regelgerüst hilft ihnen, den Alltag hier zu bewältigen.” Kinderkrankenschwester Lena Greschner ergänzt: „Manche finden das deswegen so gut, weil sie das Gefühl haben, dass sich jemand um sie sorgt und dass sie wichtig sind”. Es gibt durchaus Kinder, die erst in den Kinderkliniken Tischmanieren, das Essen mit Messer und Gabel und die Übernahme von Verantwortung für andere lernen.
Alle müssen sich vertraglich verpflichten, sich an die gemeinsamen Essenszeiten, an Pünktlichkeit und Zimmerruhe am Nachmittag zu halten. Wer dagegen verstößt, die Ausgehzeiten überzieht und nicht rechtzeitig per Handy Bescheid gibt, muss - nach Absprache mit den Therapeuten - mit pädagogischen Konsequenzen rechnen. „Strafe” will Ilona Wilhelm das aber nicht nennen.
Freitags werden Ausflüge unternommen - dann stehen Kinobesuch, Schlittschuhlaufen, im Sommer auch Minigolf auf dem abwechslungsreichen Programm. Das Wochenende verbringen die Patienten bei ihren Familien. Nicht allen fällt es am Montag leicht, von der einen Welt in die andere überzuwechseln. Der Tagesablauf und der Umgangston sind zu verschieden.
Während der Weihnachtsfeiertage wird die Station PSO verwaist sein: Alle feiern das Fest zuhause, bei ihren Familien. Natürlich gab es aber auch in den Kinderkliniken eine vorgezogene Feier mit einem Christbaum, den die Patienten selbst geschmückt haben, mit gemeinsam gesungenen Liedern, selbst gebastelten Krippenfiguren und selbst gebackenen Plätzchen.
Wenn die Therapie abgeschlossen ist, wollen die jungen Patienten ihre Betreuerinnen und Betreuer und die anderen Kinder gern ständig besuchen - aber das lassen die strengen Regeln nicht zu. Nur eine Stunde pro Woche ist erlaubt. Da tröstet es die ehemaligen Patienten auch nicht, dass es selbst ihren Betreuern schwer fällt, sich daran zu halten.
Wenn ein Patient geht, „dann verändert das die ganze Gruppe”, sagt Lena Greschner. Der Abschiedsschmerz sei keineswegs einseitig. Aber es hilft dem Patienten ja nicht beim Selbstständigwerden, wenn er sich immer noch an seine „Ersatzfamilie” gebunden fühlt. Er muss lernen loszulassen und die Erfahrung machen, dass es auch anderswo nette Menschen gibt.
Darmstädter Echo vom 24. Dezember 2010