Pressebeauftragter

Manfred Fleck
Telefon: (0 61 51) 4 02-14 00
Email: manfred.fleck@alice-hospital.de

Presse

Selbstbestrafung wegen eines Knödels

MagersuchtBedrückend für die Eltern: Eine Vierzehnjährige kann mit dem Abnehmen einfach nicht mehr aufhören

Eine Mutter, deren 14 Jahre alte Tochter in den Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret wegen Magersucht stationär behandelt wird, erzählt, wie die Krankheit das Familienleben beeinflusst. Alle Namen wurden auf Wunsch der Betroffenen geändert.

„Melanie wurde immer dünner, aber das ist nicht mir oder meinem Mann, sondern unserer jüngsten Tochter Sabine aufgefallen. Schon als Säugling war unsere Älteste zart und zierlich, sie ist halt ein schlanker Typ. Deshalb dachten wir: Jetzt hat sie gerade wieder einen Wachstumsschub.

Wir haben Sabine getröstet und ihr versprochen, dass wir künftig auf das Essverhalten ihrer Schwester achtpassen werden. Melanie aß eigentlich weiterhin normal, ließ aber alle Süßigkeiten weg, trieb viel mehr Sport, ging zweimal in der Woche zum Ballett. Wir sagten uns: Ist doch gut, wenn sie nicht vor der Glotze sitzt.

Allerdings haben wir sie gefragt, warum sie sich keine Näschereien mehr gönnt. Dabei kam heraus, dass sie sich vorgenommen hatte, bis auf 40 Kilo abzunehmen. Sie wog zu diesem Zeitpunkt 42 Kilo - bei einer Größe von 1,62 Meter. Sie fand ihre Beine zu dick!

Das muss man als Mutter erst mal verdauen und begreifen: Hier geht es nicht um eine Spinnerei, das ist ein Riesenproblem! Melanie konnte mit dem Abnehmen nämlich nicht mehr aufhören, es war wie eine Sucht. Sie sagte: Abnehmen, das kann ich gut. Sie war stolz auf sich.

Wir sind mit ihr zum Kinderarzt gegangen, der sie gemessen und gewogen hat und der gleich die Diagnose Magersucht stellte. Er hat sofort mit der Psychologin Barbara Gansera von den Kinderkliniken Prinzessin Margaret telefoniert, und noch in derselben Woche bekam Melanie einen Termin bei ihr.

Beim ersten Gespräch waren wir zu dritt, allerdings wurden wir Eltern nach zehn Minuten aus dem Raum geschickt. Als wir Melanie dann nach einer knappen Stunde abholten, fragten wir sie, was sie für einen Eindruck von der Psychologin habe. Sie sagte: Die Zeit ging ja so schnell rum. Ich wäre gern noch länger geblieben.

Die Chemie zwischen den beiden stimmte auf Anhieb, und fortan hat Melanie kein Therapiegespräch versäumt. Dabei war es nicht einfach, die Termine in ihren gut ausgefüllten Wochenplan mit einzubauen.

Doch bei uns zuhause gab es keine Entspannung. Die Situation wurde immer bedrückender. Melanie setzte das Abnehmen nämlich auch als Druckmittel gegen uns ein. Wenn ihr etwas nicht gepasst hat, hörte sie auf zu essen. Wir nahmen Rücksicht auf sie, kochten nur noch ihre Lieblingsgerichte, nur noch vegetarisch, obwohl wir auch ein gutes Stück Fleisch zu schätzen wissen. Sie versuchte, auch Einfluss auf das Essverhalten von Sabine zu nehmen, die sich bei jedem Bissen beobachtet fühlte. Darüber gab es Streit.

Über den Inhalt der ambulanten Therapiegespräche erzählte Melanie wenig, und wir haben sie auch nicht bedrängt. Trotz der Therapie hat sie noch weiter abgenommen, die Waage pendelte sich auf 37,5 Kilo ein.

Wir konnten keine Mahlzeit mehr entspannt zu uns nehmen, alles drehte sich nur noch ums Essen. Dann gelangten wir an einen Punkt, an dem wir die Verantwortung für Melanie nicht mehr übernehmen konnten. In meinem Auto sitzend, boxte sie plötzlich auf sich ein und petzte sich. Sie wollte sich dafür bestrafen, dass sie einen Semmelknödel mehr gegessen hatte, nahm sich übel, die Kontrolle verloren zu haben. Weil es ihr so gut geschmeckt hatte!

Daraufhin wurde sie nach Rücksprache mit den Therapeuten stationär in der Psychosomatischen Abteilung der Kinderkliniken aufgenommen. Anfangs war das für sie sehr schwer. Melanie konnte ihren Tagesablauf nicht mehr selbst bestimmen, sie musste sich an einen völlig anderen Essens-Rhythmus gewöhnen.

Ihre erste Zimmernachbarin fand sie noch ganz nett, aber mit der zweiten verstand sie sich überhaupt nicht. Es kostete sie große Mühe, dies bei der Therapeutin zur Sprache zu bringen, denn eigentlich ist sie sehr zurückhaltend. Auch machte sie sich Sorgen, dass sie den Kontakt zu ihren Freundinnen verlieren würde. Inzwischen telefoniert sie viel mit ihnen, bekommt auch öfter Besuch. Das tut ihr gut.

Jetzt wiegt sie 36,7 Kilo. Aber sie hatte sich auch schon mal auf 35 Kilo runtergehungert. Das Zunehmen ist unglaublich mühselig. Die Therapeuten arbeiten mit Druckmitteln, die wir zuhause nicht anwenden können. Wenn Melanie pro Woche nicht das mit ihnen vereinbarte Gewicht zugenommen hat, darf sie nur noch eine halbe Stunde ausgehen. Das nagt an ihr. Auch hat sie Angst vor der Ernährung über eine Magensonde, die ihr droht, wenn sie weiterhin abnimmt. Vergünstigungen gibt es nur, wenn sie zunimmt.

Melanie ist intelligent und eine gute Schülerin. Aber mit normalen Argumenten ist ihr nicht beizukommen, ihr Gefühl steht ihr im Weg. Sie weiß, dass sie erst aus der Klinik entlassen wird, wenn sie 42 Kilo wiegt. Sie muss sich an Regeln halten, die nicht verhandelbar sind. Auch wir Eltern müssen lernen, diese Regeln zu akzeptieren. Es ist ja kein Bestrafen, so wie sie es empfindet, sondern ein Belohnungssystem.

Melanie ist vernünftigen Argumenten nur in kurzen Momenten zugänglich. Es hat sie schon erschüttert, dass ihre Schwester zu ihr sagte: „Ich will nicht, dass du stirbst”. Aber sie steht unter einem inneren Zwang, sagt selbst: Ich kann nicht anders. Ich stecke in einer Spirale drin. In der Therapie wird sie bestärkt in dem, was sie gut kann. Zum Beispiel, sich musikalisch auszudrücken.

Magersucht ist keine Schande, es ist eine Krankheit. Mein Mann und ich schämen uns nicht für Melanie - wir stehen zu unserer Tochter.”

Darmstädter Echo vom 31. Dezember 2010