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Presse

Teure fünf Millimeter

Neue Betten für die Kinderkliniken

Achtunddreißig gut erhaltene Bettchen für Säuglinge und Krabbelkinder, die bislang in den Kinderkliniken Prinzessin Margaret benutzt wurden, sind jetzt im Heag-Depot am Böllenfalltor zwischengelagert. Sie sollen in den nächsten Tagen nach Somalia und Afghanistan verschickt werden.

Der Förderverein der Kinderkliniken hatte diese Betten mitfinanziert und bezahlt jetzt auch die Ersatzmöbel – 40 Bettchen zum Stückpreis von rund 2000 Euro. Die insgesamt 84.000 Euro hätten gut für andere Zwecke verwendet werden können – wenn es die neue deutsche Kinderbettnorm nicht gäbe. Sie schreibt vor, dass der Abstand zwischen den Gitterstäben fünf Millimeter enger als bisher sein muss. Vor ein paar Jahren war noch ein Abstand von sieben Zentimetern erlaubt, dann wurde er auf 6,5 Zentimeter und nunmehr verbindlich auf sechs Zentimeter reduziert.

Abstand der Stäbe reduziert

Kinderarzt Hans Joachim Landzettel vom Förderverein und der Leiter der Kinderkliniken, Bernhard Lettgen, können über diese Vorgabe nur den Kopf schütteln. „Wir haben die Betten hier jahrelang benutzt, da ist nie was passiert. Es gibt keinen Kinderkopf, der durch eine solche Lücke passt. Von der praktischen Anwendung her war diese Änderung unnötig und überflüssig”, meint Lettgen. „Die alten Betten sind top in Ordnung und funktionstüchtig.”

Der Leiter der Kinderkliniken vermutet ebenso wie Landzettel, dass eine Industrie-Lobby diese Änderung durchgesetzt hat, um mehr Bettchen verkaufen zu können. Hans Joachim Landzettel setzte sich mit der Herstellerfirma in Verbindung. Sogar diese bezweifelt den Sinn der neuen Kinderbettnorm.

Es war nicht einfach für ihn, Abnehmer für die gebrauchten Möbel zu finden, obwohl sie in tadellosem Zustand sind. Er fragte in der lettischen Schwesterstadt Darmstadts, in Liepaja, nach, ob dort Bedarf für Gitterbettchen bestehe. Tatsächlich war das Waisenhaus an Krabblerbetten für ältere schwerbehinderte Kinder sehr interessiert. Aber die Leiterin sagte ab – weil sie glaubte, es handele sich um eine neue EU-Verordnung, nach der auch sie sich richten müsse.

Daraufhin wandte sich Landzettel an den Deutsch-Somalischen Frauenverein in Darmstadt. Von ihm bekam er keine Absage: 28 Bettchen waren hoch willkommen. Sie sollen im Container über Dubai in eine Kinderklinik in Somalia gebracht werden. Es meldeten sich auch weitere Interessenten von Hilfsorganisationen, die in Kongo, Vietnam und Tansania tätig sind.

Kosten von 84 000 Euro

Zehn Betten schickt Landzettel über Bonn nach Kabul. In Bonn steht nämlich schon ein Container mit dem gespendeten Mobiliar einer Zahnarztpraxis bereit, und es ist noch Platz für die Bettchen frei. Vor drei Jahren hatte Landzettel schon einmal 200 Krankenhausbetten aus dem Alicehospital über Karatschi nach Kabul geschickt.

Eine Speditionsfirma aus der Region war bereit, die Gitterbettchen kostenlos in vier Fuhren von den Kinderkliniken zum Heag-Depot am Böllenfalltor zu fahren, wo sie nun zwischengelagert sind und transportgerecht zerlegt werden sollen. (pyp)

Frankfurter Rundschau vom 11. März 2011