Private Geldgeber als Geburtshelfer
Die Vorgeschichte – Ohne engagierte Sponsoren gäbe es das Angebot zur Suizidprophylaxe in den Kinderkliniken nicht
Von Anfang an war das Selbstmord-Präventionsprojekt „Anna” (Alles nur nicht aufgeben) auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Denn gesundheitspolitisch zählt Vorbeugung - in diesem Fall die Verhinderung suizidaler Verzweiflungstaten - nicht zum „medizinisch Notwendigen”.
„Anna” hat eine Vorgeschichte. Vor zehn Jahren gab es noch keine psychosomatische Abteilung an den Kinderkliniken Prinzessin Margaret. Es musste aber dringend eine Lösung gefunden werden für jene jungen Patienten, die über heftige Bauch- oder Kopfschmerzen klagten, obwohl sie nicht organisch krank waren. Kaum entlassen, wurden sie wegen der gleichen Symptome erneut in die Klinik eingeliefert.
„Sie schreien über das Bauchweh nach Aufmerksamkeit”, war Chefarzt Bernhard Lettgen, dem Leiter der Kinderkliniken, bewusst. Weil der Drehtüreffekt gestoppt werden musste, drängte er auf die Einstellung einer Psychologin. Nur mit finanzieller Unterstützung der Darmstädter Claudia-Ebert-Stiftung war dies schließlich im Mai 2001 möglich. Die Stiftung finanzierte zunächst der Diplom-Psychologin Verena Ganssauge eine halbe Stelle. Aber das reichte nicht aus, um den Bedarf zu decken.
Claudia Ebert, Mutter von zwei Kindern, hat in Abstimmung mit Lettgen kontinuierlich über ihre im Jahr 2000 gegründete Stiftung eine ganze Stelle für eine Psychologin gefördert - seit 2004 kam ein Betrag von 220 000 Euro zusammen. Auch für „Anna” ist sie stets eingesprungen.
An den Kinderkliniken wurde schließlich eine psychosomatische Abteilung gegründet, deren Leitender Oberarzt Fakhri Khalik das Projekt „Anna” (Alles nur nicht aufgeben) im Mai 2004 auf den Weg gebracht hat. Seitdem können sich Kinder und Jugendliche in seelischer Not am Krisentelefon kostenlos therapeutisch beraten lassen oder ihre Probleme in der täglichen Sprechstunde einem Psychologen anvertrauen.
Über eine geschäftliche Verbindung Claudia Eberts kam ein weiterer wichtiger Sponsor dazu: Bernd Crusius vom Rotary Club Bensheim-Heppenheim. „Claudia Ebert und ich haben damals den Stein ins Wasser geworfen”, erinnert er sich und freut sich, dass sich daraus ein kräftiger Wellenschlag entwickelt hat. Ständig ist er auf der Suche nach weiteren Sponsoren, aber auch nach Menschen mit Know-how, die bei der Suizid-Prävention mitmachen können.
Bankkaufmann Crusius hat ein großes Netzwerk an Geschäftsfreunden und Bekannten und war schon immer an Jugendsozialarbeit interessiert. Als ihm Chefarzt Lettgen Schicksale von jungen Patienten, die ihrem Leben ein Ende setzen wollten, schilderte, wurde er aktiv. Es gelang ihm nicht nur, einen großen Zuschuss von der Stiftung seines damaligen Arbeitgebers, der Deutschen Bank, abzuzweigen, sondern auch, die Mitglieder seines Rotary-Clubs sowie seinen heutigen Arbeitgeber, die Privatbank HSBC Trinkaus in Frankfurt, finanziell für das Projekt Anna einzuspannen.
Auch der Soroptimisten Club Bensheim-Heppenheim, eine Service-Organisation berufstätiger Frauen, unterstützt das „Anna”-Projekt, ließ die ersten Projekt-Flyer und Plakate drucken und verteilte sie an Schulen, Polizei, Kirchengemeinden und Kinderärzte. Außerdem organisiert der Club Veranstaltungen, in denen über Depression und Suizid aufgeklärt wird.
Mit ins „Anna”-Sponsorenboot holte Crusius im Jahr 2008 Renate und Klaus Zimmer aus Darmstadt, die mit ihrer Zimmer-Stiftung Kindern Mut zum Leben geben wollen. Ein besonders Anliegen ist ihnen der Ausbau von Betreuungs- und Therapieangeboten. Als Unternehmer Zimmer (von der Zimmer Bau GmbH Darmstadt) 70 Jahre alt wurde, verzichtete er zugunsten von „Anna” auf Geschenke.
Crusius glaubt, dass die Öffentlichkeit seit der Selbsttötung von Nationaltorwart Robert Enke sensibler für das Thema Suizid geworden ist und jetzt offen darüber gesprochen werden kann. Um das Projekt Anna finanziell abzusichern, plant er noch in diesem Jahr die Gründung eines Fördervereins. Das hat den Vorteil, dass sich die Kinderkliniken auf regelmäßige Einkünfte durch Mitgliedsbeiträge verlassen können. Auch Claudia Ebert und ihre Stiftung werden dabei mitwirken. Zu 50 Prozent will sich der Verein um die Prävention kümmern. Wer ehrenamtlich mitarbeiten möchte, kann sich per E-Mail an die folgende Adresse wenden:
Barbara.Gansera@kinderkliniken.de.
Darmstädter Echo vom 22. Januar 2011