Die Kunst hilft, Seelen zu öffnen
Maltherapie – Sabine Treu setzt tiefenpsychologische Prozesse bei gestörten Kindern und Jugendlichen in Gang
![Blutige Tränen strömen aus den hohlen Augen dieser Monsterpuppe. So hoffnungslos fühlte sich das sechzehnjährige Mädchen, das die Figur zu Beginn seiner Therapie aus Papier und Tesakrepp gestaltet hat. Foto: Roman Grösser [klicken für größeres Bild] Blutige Tränen strömen aus den hohlen Augen dieser Monsterpuppe. So hoffnungslos fühlte sich das sechzehnjährige Mädchen, das die Figur zu Beginn seiner Therapie aus Papier und Tesakrepp gestaltet hat. Foto: Roman Grösser [klicken für größeres Bild]](/grafik/presse/2a_inline.jpg)

Blutige Tränen strömen aus den hohlen Augen dieser Monsterpuppe. So hoffnungslos fühlte sich das sechzehnjährige Mädchen, das die Figur zu Beginn seiner Therapie aus Papier und Tesakrepp gestaltet hat. Foto: Roman Grösser
Kunst-, Musik- und Bewegungstherapie stehen auf dem Stundenplan der Kinder, die stationär in der Psychosomatischen Abteilung der Kinderkliniken Prinzessin Margaret aufgenommen werden. Als Ergänzung der psychologischen Behandlung sollen diese Therapien den Heilungsprozess fördern.
Ihre Lieblingsfarben sind Schwarz und Rot. Schwarz wie der Tod. Rot wie die Wut. Die Maler dieser Bilder, Kinder und Jugendliche, haben noch ihr ganzes Leben vor sich, sehen aber überall nur Zwänge und Sackgassen. Sie verletzen sich vorsätzlich, sind schwermütig, mager- oder esssüchtig, haben Suizid-, Gewaltphantasien oder emotionale Störungen. Schwarz signalisiert: Mir geht es schlecht.
Im „offenen Atelier” der Kunsttherapeutin Sabine Treu im „Ärztehaus Mathildenhöhe” auf dem Gelände des Darmstädter Alice-Hospitals sollen sie malen, was sie bewegt. In ihren Bildern spiegeln sich Angst, Einsamkeit, Wut und Verzweiflung. Diese Kinder und Jugendlichen, die mit sich und ihrer Umwelt nicht klarkommen, werden ambulant oder stationär in der psychosomatischen Abteilung der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret behandelt. Zu ihrem therapeutischen Pflichtprogramm gehört auch das Malen.
Sabine Treu und ihr Kollege, der Musiktherapeut Christian Gessner, finden die Ursachen der seelischen Verletzungen manchmal schneller heraus als die Bezugstherapeuten. Denn sie bringen die jungen Patienten dazu, wieder einen inneren Zugang zu sich zu finden.
Vor dem Atelier fällt den Neulingen sofort eine bunte lebensfrohe Figur im Stil der Nanas von Niki de Saint-Phalle auf. „Die ist ja toll”, erklären die meisten. „Haben Sie die gemacht?” Dann nickt Susanne Treu stolz und weiß schon, welcher Stoßseufzer jetzt folgt: „Hoffentlich müssen wir nicht auch so was machen”. Das wäre zu viel verlangt. Aber in der Kunsttherapie kommt es ja nicht auf Perfektion an.
Sabine Treu bewahrt die Bilder aller jungen Patienten in Mappen auf. Während der Zeit der Therapie bleiben sie im Atelier, aber die Motive arbeiten in ihren Köpfen noch weiter, wenn sie den Raum schon verlassen haben. Mit allen neuen Patienten - sie sind zwischen sechs und achtzehn Jahren alt - führt Sabine Treu ein Vorgespräch. Nicht alle verraten ihr, warum sie von niedergelassenen Ärzten oder über die Ambulanz der Kinderkliniken in die psychosomatische Abteilung eingewiesen wurden, aber dies kann sie leicht in Erfahrung bringen. „Weil ich nachts noch ins Bett mache”, lautete das Geständnis eines zwölfjährigen Jungen, der seine Scham überwandt. „Wegen meiner Anorexie”, erklärte eine forsche Magersüchtige, die sogar das Fachwort für ihre Krankheit weiß.
Allen stellt die Kunsttherapeutin anfangs dieselbe Aufgabe: Malt eure Namen und verbindet sie mit irgendetwas, was schön für euch ist. Kein Detail entgeht ihrem geübtem Blick. „Die Kinder drücken aus, wie sie sich fühlen.” Wie viel Raum nimmt ihr Name ein? Ist er mit einem Kreis umgeben, braucht das Kind einen Rückzugsort? Wie malt es Blumen? Sind sie verwurzelt? Kann der Stengel die Blüte tragen?

Lebensfreude strahlt dieses kunterbunte Objekt aus, das Kunsttherapeutin Sabine Treu nach dem Vorbild der Nana-Figuren von Niki de St. Phalle geformt hat – ein Gegenpol zu den düsteren Motiven ihrer Schülerinnen und Schüler. Foto: Roman Grösser
Sabine Treu will erreichen, dass ihre Atelierbesucher wieder ein Verhältnis zur Kunst bekommen. Als sie noch klein waren, haben viele unermüdlich gemalt, doch mit zunehmendem Alter und steigenden Qualitätsansprüchen erlosch das Feuer der Begeisterung.
Die Patienten entscheiden selbst, was sie darstellen oder gestalten wollen. Ein Junge bastelte eine Burg, malte sie ganz schwarz an. Aber ihre Zinnen tauchte er in rote Farbe - sie scheinen zu brennen. So fühlte er sich in der Anfangszeit
Jetzt aber ist er dabei, in einem Schuhkarton ein kleines Zimmer mit Papier-Möbeln einzurichten - schwarzen Möbeln. Der Raum, immerhin, ist zugänglich. „Er fackelt das alte System ab und baut etwas Neues”, interpretiert dies die Kunsttherapeutin. An jede Malstunde schließt sich ein Gespräch an. Was ist auf dem Bild zu sehen? Was hast du dir dabei gedacht? Warum hast du gerade diese Form oder jene Farbe gewählt?
Sabine Treu bringt damit tiefenpsychologische Prozesse in Gang. Kleinere Kinder bittet sie, eine Geschichte über ihr Bild zu erzählen. „Das beste sind die spontan gemalten Bilder,” erklärt sie, denn dabei offenbart sich das Unbewusste. Manche Kinder haben freilich Angst, zuviel von sich zu verraten.
Zweimal in der Woche ist Therapiekonferenz in den Kinderkliniken Prinzessin Margaret. Dann vergleichen die Kunsttherapeutin, der Musiktherapeut und die Bezugstherapeuten ihre Eindrücke von den einzelnen Patienten. Meistens ergänzen sich ihre Beobachtungen, und sie können dies diagnostisch verwerten.
Manche Kinder kommen nur ein paar Wochen regelmäßig in die Malstunde, andere bis zu neun Monaten. Die Bilder erlauben Rückschlüsse auf den Stand ihrer Entwicklung. Selten verläuft sie linear, Rückschritte sind möglich - vor allem, wenn die Therapie kurz vor ihrem Ende steht. Dann treten plötzlich Symptome wieder auf, die schon überwunden schienen. Doch bei den meisten Kindern und Jugendlichen hat Sabine Treu den Eindruck, dass sie „weicher”, zugänglicher und selbstbewusster werden.
Bei der Schlussbesprechung öffnet sie die Sammelmappe und breitet alle Bilder aus, damit der junge Patient seine Fortschritte sehen kann. Dann sortiert er aus, was er bei ihr lassen will und verlässt das Atelier mit Bildern, die ihm guttun.
Darmstädter Echo vom 06. November 2010