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Presse

Der Haifisch kann ein Helfer sein

Sexueller MissbrauchStofftiere als wichtige Begleiter bei der Therapie - Manche Täter waren vorher selber Opfer

Von Petra Neumann-Prystaj

Lange Zeit hat Sabine (Name geändert) erfolgreich verdrängt, dass sie als Zehnjährige mehrfach von einem nahen Verwandten missbraucht worden war. Er erpresste sie damit, ihre kleine Schwester umzubringen, falls sie jemandem davon erzählen würde.

Erst während der therapeutischen Behandlung bei den Psychologinnen von „Anna” (Alles, nur nicht aufgeben) kam die vergessene Wahrheit Stück für Stück ans Licht. Bis heute wissen Sabines Eltern nichts über die Ursache ihrer Wesensveränderung, denn die Siebzehnjährige hat noch immer Angst, dass der Verwandte seine Drohung wahr machen könnte. Er hat sie schließlich schon einmal mit einem Messer zu intimen Handlungen gezwungen.

Vielleicht wird sie wie so viele Opfer sexueller Gewalt erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten in der Lage sein, ihn anzuzeigen. Jetzt aber muss sie erst mal lernen, sich vor der fixen Idee zu schützen, ihr Leben zu beenden.

„Jedes Trauma zerstört das seelische Gleichgewicht”, sagt die Psychotherapeutin Mercedes Pavlicek. Unter den suizidgefährdeten Mädchen und Jungen, die über das Projekt „Anna” zu ihr und der Psychologin Barbara Gansera kommen, gibt es eine erschreckend große Zahl von sexuell missbrauchten Kindern und Jugendlichen. Aber das ist keineswegs der Grund, warum sie in der Geschäftsstelle in der Dieburger Straße vorstellig werden. Vielmehr sind es Anzeichen undefinierbarer Krankheiten.

Viele Opfer schweigen - doch ihr Körper setzt sich zur Wehr. Beim Übergang von der Kindheit in die Pubertät treten plötzlich eigenartige Symptome auf: Gehstörungen, Bettnässen und Einkoten, Verwahrlosung, drastische Gewichtszunahme.

In den Räumen der Darmstädter Ambulanz der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie liegen scheinbar zufällig große Stofftiere herum. Wer will, kann sie während der therapeutischen Gespräche an sich nehmen, streicheln oder im Arm halten. Sabine entschied sich spontan für den Haifisch mit den Killerzähnen. Er strahlt Kraft und eine nach außen gerichtete Aggression aus. Sie glaubt, dass er seine Stärke auf sie übertragen kann.

Beruhigend ist für sie außerdem die Gewissheit, dass sie mit ihren Therapeutinnen jederzeit Kontakt aufnehmen kann, wenn sie wieder einmal Suizidgedanken quälen. Per SMS oder E-Mail. Das ist ihr manchmal sogar lieber als ein Vier-Augen-Gespräch.

Ganz andere Gefühle als der Hai mit dem waffenscheinpflichtigen Gebiss weckt die Waschbärenfamilie. Sie verführt zum Streicheln, aber auch zum Nachspielen von Alltags-Szenen. Die Kinder und Jugendlichen bauen eine Beziehung zu ihnen auf, vertrauen ihnen an, was sie aus Scham oder aus Mangel an passenden Wörtern nicht direkt sagen mögen. Im Rollenspiel gelingt ihnen der Wechsel von der symbolischen Ebene in die Realität.

Nicht alle missbrauchten Mädchen dürfen auf das Verständnis oder die Unterstützung ihrer Eltern hoffen, sagen die Psychologinnen. Manchen wird sogar vorgeworfen, sie wollten sich nur interessant machen und im Mittelpunkt stehen. Aus Angst vor den Folgen für die Familie stellen einige Mütter erst gar keine Fragen. Sie ahnen viel - und sehen weg.

Die Mädchen geben sich selbst die Schuld an dem an ihnen verübten Verbrechen. Sie sind fest davon überzeugt, nichts wert und deswegen missbraucht worden zu sein. Sie haben die Kontrolle verloren, sich hilflos erlebt. Einige stehen unter einem neurotischen Wiederholungszwang und manövrieren sich immer wieder in ähnliche Situationen hinein, als könnten sie damit alles wieder wett machen. „Durch den sexuellen Missbrauch werden Leben zerstört”, macht Barbara Gansera bewusst. Noch Jahre später könne die bedrohliche Situation durch einen Flashback, ein Geräusch oder einen Geruch, neu aufleben.

Viele jugendliche Opfer haben ihre Gefühle abgespaltet, reden so gleichgültig über das Geschehene, als wenn es einen Fremden beträfe. „Aber ohne Gefühle können wir keine Therapie machen”, erklärt Mercedes Pavlicek. Also müssen die Gefühle erst wieder reaktiviert werden. Das Trauma bleibt immer präsent. Denn es ist etwas kaputt gegangen, das man vielleicht kleben, aber nie mehr in den heilen Zustand zurückversetzen kann.

Viel ist schon gewonnen, wenn das Geschehene „nicht mehr so weh tut” und wenn die Jugendlichen mit Hilfe der Therapeutinnen lernen, eine Strategie zu entwickeln, um sich abzulenken, wenn Traurigkeit, Angst oder Schuld sie wieder einmal überwältigen. Es hilft manchmal schon, wenn sie ein Mensch, dem sie vertrauen können, in die Arme nimmt.

In der Therapie wird das Geschehene bewusst gemacht, damit es besser verarbeitet werden kann. Ob dies gut gelingt, kommt auf das Wesen des Mädchens, sein Alter zur Zeit des Missbrauchs und die Dauer des Missbrauchs an. Die Sensiblen und Stillen haben es am schwersten, denn sie schaffen es nicht, von der Hilflosigkeit in die Aktion zu flüchten und Entlastung beim Joggen, Boxen oder einem Selbstverteidigungskurs zu finden.

„Viele Männer, die Täter sind, waren vorher auch Opfer”, ist die Erfahrung von Barbara Gansera. Dieser Kreislauf ist nur zu durchbrechen, wenn über die Familiengeschichte gesprochen und das Geheimnis aus der Welt geschafft wird.

Von dem an Sabine verübten Verbrechen wird die Justiz wahrscheinlich nie erfahren. Es ist furchtbar ungerecht, dass der Täter straffrei bleiben wird - und keineswegs der einzige ist. Aber das bewahrt das fragile Mädchen vor einem Verfahren, dem sie nicht gewachsen wäre. „Gerichte”, beklagen die Psychologinnen, „sind kein geschützter Raum für die Opfer”.

Darmstädter Echo vom 04. Dezember 2010